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Leseprobe: Nimael - Steine ewiger Macht





Leseprobe: Nimael - Steine ewiger Macht von Tobias Frey







VERFOLGUNGSWAHN

Nimael spürte die brennende Hitze der Sommersonne auf seinem

Haar. Er hatte die Mittagspause am Fluss verbracht, eine Kleinig-

keit gegessen und seine Angelrute im Blick behalten, doch leider hatte

kein einziger Fisch angebissen.

Es war der Fünfte des Siebten. Der Himmel war wolkenlos, die

Vögel zwitscherten und das Grün der Bäume und Gräser spiegelte

sich leuchtend im Wasser. Eigentlich ein hervorragender Tag, um ihn

im Freien zu verbringen, aber die Vorlesungen hatten selbstverständ-

lich Vorrang. Nimael gab feuchtes Papier und etwas Eichenlaub in die

kleine Holzkiste, in der er seine Würmer aufbewahrte, packte seine

Angelausrüstung zusammen und kämpfte gegen die Müdigkeit an,

die ihn nach einer ausgedehnten Mittagspause besonders an heißen

Tagen gern überfiel. Die beiden Lehreinheiten am Nachmittag würden

ihm heute jede Menge Konzentration und Durchhaltevermögen ab-

verlangen. Zum Glück stand morgen der alljährliche externe Fort-

bildungstag bevor. Sicher, es gab freudigere Ereignisse als den Exfobita,

wie die Studenten ihn liebevoll nannten. Da der Siebte sonst jedoch

keine Feiertage zu bieten hatte und es sich um den wärmsten Monat

des Jahres handelte, freute sich Nimael schon seit Wochen auf dieses

Ereignis, das ihn aus den grauen Mauern der Universität Moenchtals

hinausführen würde. Zumal diese nicht unbedingt das attraktivste Ge-

bäude darstellte. Sie war alt, heruntergekommen und hatte dringend

ein paar Renovierungsarbeiten nötig. Im Sommer waren die dicken

Wände zwar kühl wie ein Kellergewölbe, doch im Herbst und Winter

pfiff trotz geschlossener Fenster so manch eisiger Wind durch die Vor-

lesungssäle. Angeblich kamen im Obergeschoss sogar schon die ersten

Tropfen durch die Decke.

Nimaels Wissen zufolge handelte es sich bei der Universität um

das älteste Gebäude des Städtchens und hatte ihm sogar seinen Na-

men gegeben. Bevor es vor ein paar Jahrzehnten zur Universität um-

funktioniert wurde, war es das Kloster, in dem die Mönche des Ortes

lebten und arbeiteten. Es lag direkt am Fluss und war an seinem

großen Mühlrad leicht zu erkennen.

Inzwischen zog die Universität mit ihren Studiengängen der Freien

Künste viele Studenten aus dem gesamten Umfeld an. Seitdem war

Moenchtal stetig gewachsen und stellte nun eine der wichtigsten

Städte ihres Territoriums dar.

Darüber hinaus war es auch dem Einfluss der Universität zu ver-

danken, dass die Bevölkerung als äußerst fortschrittlich galt. Nimael

war sich durchaus bewusst, dass ein Studiengang wie sein eigener,

der größtenteils aus weiblichen Teilnehmern bestand, andernorts un-

denkbar gewesen wäre.

Für den Exfobita war ein Ausflug nach Pagura geplant, das am Rande

des Tals gelegen war. Dort war es einem der ehemaligen Studenten

gelungen, einen erfolgreichen Verlag zu gründen, und – ob nun aus

Dank barkeit oder Stolz – er hatte der Universität eine umfangreiche

Besichtigung versprochen.

Allerdings musste Nimael eingestehen, dass es weder die Abwechs-

lung noch der Ausflug waren, weswegen er den Exfobita herbeisehnte,

sondern vielmehr die Gelegenheit, seine Zeit mit einer gewissen Teil-

nehmerin seines Kurses zu verbringen. Thera. Ihr Name ließ sein Herz

auf einmal höherschlagen.

Zunächst war sie ihm unter den zahlreichen Studenten gar nicht

aufgefallen. Sie war unglaublich klug, gebildet und auch hübsch, gar

keine Frage, aber verzaubert hatte sie ihn erst mit ihrer unbeschreib-

lichen Art. Sie war immer gut gelaunt und ihrem Lächeln konnte man

sich kaum entziehen. Es kam von Herzen und traf auch genau dorthin.

Theras Familie stammte aus einem nordischen Territorium, aber ihre

Herzlichkeit stand im krassen Gegensatz zu den – wie man sagte – kalten

Nordmännern. Sie ließ anderen gern den Vortritt und sah in ihnen nur

das Beste. Ob das auch für ihn galt? Auf jeden Fall fand man diese

Eigenschaften immer seltener in Moenchtal und Umgebung. Viele

Leute hätten sie dafür vermutlich als naiv bezeichnet, aber Nimael

beeindruckte dieser Charakterzug besonders. Er wusste, dass die Welt

eine bessere wäre, wenn es mehr Menschen wie Thera gäbe.

Als Nimael seine Angelausrüstung im Gebüsch versteckte, hörte er

ein leises Rascheln hinter sich. Er fuhr herum, doch die Parkanlage

der Universität präsentierte sich so ruhig und friedlich wie eh und je.

„Hallo?“

Keine Antwort. Wahrscheinlich hatte sich nur ein Vogel in einen

Strauch geflüchtet, um der schrecklichen Mittagshitze zu entgehen.

Außerdem verstieß Nimael mit seinem Fischfang ja noch nicht einmal

gegen die Vorschriften der Universität, die so eine Möglichkeit wohl

niemals in Betracht gezogen hatte. Er wandte sich wieder seiner Angel-

ausrüstung zu und schob sie tief ins Unterholz. Ein lautes Knacken

ließ ihn erneut hochfahren. Diesmal konnte es kein Vogel gewesen

sein. Um ein solches Geräusch zu verursachen, musste schon jemand

auf einen größeren Ast getreten sein. Nimael pirschte sich langsam

an den nächstgelegenen Busch heran und zog mit einem Ruck die

Zweige weg. Ein graubrauner Flussotter, der gerade einen Fisch zer-

legte, quiekte erschrocken auf und sprang davon, um so schnell wie

möglich im Fluss zu verschwinden.

Nachdem er den ersten Schrecken abgeschüttelt hatte, lachte Nimael

erleichtert auf und trat den Rückweg zum Universitätsgelände an.

Dieser freche, kleine Otter war auf seinem Beutezug doch tatsächlich

erfolgreicher gewesen als er selbst. Wenn es ihm gelungen wäre, am

Abend einen frischen Fisch gewinnbringend an eines der Wirtshäuser

am Hafen zu verkaufen, hätte er sich zusätzlichen Proviant für den

Exfobita leisten können. Nun musste er wieder einmal improvisieren.

Seine beiden Feldflaschen konnte er am Brunnen kostenfrei auffüllen.

Bei der anhaltenden Hitze war Wasser ohnehin das wichtigste Gut,

dennoch wollte er die Reise nicht mit knurrendem Magen antreten.

Dummerweise hatte sich sein Geldbeutel schon lange nicht mehr so

leer angefühlt. Doch für einen Zuverdienst fehlte ihm im Moment die

Zeit. Das zweite Semester bildete den Abschluss des Grundstudiums

und Nimael wollte unbedingt mit einer der besten Noten aus den

Zwischenprüfungen hervorgehen. Er musste sich dringend etwas ein-

fallen lassen.

Das alte Universitätsgebäude, das vor ihm in Sicht kam, riss Nimael

aus seinen Gedanken. Zu dieser Tageszeit war auf dem Campus nur

wenig Betrieb. Zwei Studentinnen aus höheren Semestern unterhielten

sich auf dem Vorplatz, während sich drei weitere auf den Stufen zum

Eingang niedergelassen hatten. Im Schatten einer mächtigen Eiche saß

ein junger Mann und schmökerte in einem Buch. Lexikon der Märchen-

und Fabelwesen konnte Nimael auf dem Buchrücken entziffern.

Welches Fach wohl eine solche Lektüre voraussetzte? Nimael musterte

den Unbekannten, der ihm besonders wegen seiner Größe und sei-

nes – für einen Studenten ungewöhnlich muskulösen – Körperbaus

auffiel. Zudem war er ein paar Jahre älter als er selbst und hatte mokka-

farbene Haut. Vermutlich stammte er aus einem der südlichen Ter-

ritorien. Kaum zu glauben, dass der Bekanntheitsgrad der Universität

mittlerweile Studenten aus einer solchen Entfernung anzog. Als Nimael

ihn musterte, blickte der Mann kurz auf, schenkte ihm aber keine

weitere Beachtung, sondern widmete sich sofort wieder seiner Lektüre.

Nimael überquerte den Platz und lief die Stufen zum Gebäude

empor. Im Gang vor seinem Vorlesungssaal unterhielten sich Kaeti

und Eskabatt. Sie würdigten Nimael keines Blickes, als er an ihnen

vorbeilief. Er tat es ihnen gleich und betrat den Raum. Das Geschwätz

der beiden Adelstöchter interessierte ihn ohnehin nicht im Geringsten.

Die meisten der knapp dreißig Teilnehmer waren bereits eingetroffen

und in Gespräche vertieft. Unmotiviert ließ Nimael seinen Blick durch

den Saal schweifen, bis er Thera entdeckte, die zwei Tische weiter ihre

Notizen aus der Tasche zog und die langen Ärmel ihres Kleides richtete.

Nimael spielte schon lange mit dem Gedanken, sie in eines der

besseren Wirtshäuser der Stadt auszuführen. Wenn er ihr schon den

Hof machte, so wollte er ihr unbedingt etwas Besonderes bieten, denn

aus seiner Sicht hatte sie nur das Allerbeste verdient. Einerseits fehlte

ihm dafür aber gerade das nötige Kleingeld, andererseits wollte er auch

nicht zu plump vorgehen und sie damit eventuell vor den Kopf stoßen.

Stattdessen hatte er in diesem Semester begonnen, eine sehr schöne,

zarte Beziehung zu ihr aufzubauen, und langsam glaubte er zu er-

kennen, dass auch sie an mehr als nur einer Freundschaft interessiert

sein könnte.

Gerade als Nimael überlegte, ob er sie ansprechen sollte, hob Thera

den Kopf und sah ihn mit ihren grün schimmernden Augen an. Ihr

goldblondes Haar fiel wie ein Wasserfall über ihre Schultern, ihr Lä-

cheln zeigte sich so schön wie der Sonnenaufgang und ihre Stimme war

Nimael so vertraut wie der Klang seiner Lieblingsmelodie.

„Hallo“, begrüßte ihn Thera überrascht. „Bist du schon lange hier?

Ich habe dich gar nicht gesehen.“

Nimael war plötzlich überfordert. Ihr Anblick und die unerwartete

Frage verschlugen ihm die Sprache.

„Nein, ich … ich kam gerade erst vom Gang“, brachte er schließlich

heraus. Die einfallslose, einsilbige und gestotterte Antwort brachte

seine Wangen unweigerlich zum Glühen. Wenn es Thera aufgefallen

war, so ließ sie sich glücklicherweise nichts anmerken.

„Ich freue mich schon auf morgen“, fuhr sie fort. „Das Wetter ist

hervorragend und von dort oben soll man eine fantastische Aussicht

haben, die ich unheimlich gern festhalten würde.“ Thera zeichnete in

ihrer Freizeit leidenschaftlich gern und war außerordentlich talentiert.

Auf den Bildern, die Nimael gesehen hatte, spielte sie mit Licht und

Schatten und fing sowohl Proportionen als auch räumliche Verhält-

nisse naturgetreu ein. „Leider wird uns dazu ganz sicher die Zeit

fehlen“, fügte sie mit enttäuschter Miene hinzu.

Inzwischen hatte Nimael nicht nur den ersten Schrecken, sondern

auch seine Müdigkeit überwunden. Er erkannte eine Gelegenheit und

hätte er einen Moment zuvor nicht bereits darüber nachgedacht, hätte

er sie wohl ungenutzt verstreichen lassen.

„Was hältst du davon, wenn wir dir morgen einen geeigneten Aus-

sichtspunkt suchen?“, bot er an. „Und wenn das Wetter mitspielt, be-

gleite ich dich am Wochenende noch einmal nach Pagura und du

kannst in aller Ruhe das gesamte Panorama auf die Leinwand bannen.

Vielleicht trage ich dir sogar die Staffelei nach oben.“ Er grinste sie

spitzbübisch an und erhielt die schönste Antwort, die er sich vorstellen

konnte. Sie lachte verlegen und strahlte über das ganze Gesicht. Sie

musste auf diesen Moment bereits gewartet haben.

„Sehr gern“, erwiderte Thera und machte Nimael damit überglück-

lich.

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