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  • AutorenbildNika

Leseprobe: Schattengeflüster





Schattengeflüster von Selena M.






Tief die kühle Morgenluft einatmend, schloss ich die Augen. Wie fast jeder Keshenjanea liebte ich den Sonnenaufgang, das Zwielicht und den unverwechselbaren Geruch von Morgendunst und erdiger Frische.

„Es ist sinnlos, den ganzen Morgen damit zu verbringen, hinter dem Hügel Ausschau zu halten“, spähte Noál über mich hinweg zu Travnéel. „Wir wissen nicht einmal mit Sicherheit, ob die beiden Heere heute aufeinandertreffen werden.“

„Oh, das werden sie. Bis heute Abend ist die Schlacht entschieden.“

„Hast du wieder den Wasserspiegel geschaut?“

„Dazu braucht es keine Hellseherei. Es liegt in der Luft, denn die morgendliche Stille trügt. Das Wetter klart auf, der Tag macht sich bereit. Man wartet auf den Moment, möchte es hinter sich bringen, doch wenn der Augenblick da ist, würde man nur allzu gern dem Geschehen entfliehen. Du wirst dir den jetzigen Moment noch zurückwünschen, Noál.“

„Dann müsste ich erneut durch all die Nervosität hindurch. Es ist kein besonders erstrebenswerter Zustand.“

„Es ist ein Zustand, dem ein Krieger standhalten muss“, entgegnete ich trocken. „Sieh es so, die Warterei hat auch ein Gutes. Wir können ein letztes Gespräch führen. Vielleicht wird es unser letztes sein.“

Travnéel verzog missbilligend den Mund: „Du bist manchmal einfach deprimierend, Malesh. Wo bleibt dein Kampfgeist? Deine Unerschütterlichkeit und dein Mut?“

„All das habt ihr mir geraubt, als ihr mich  zum Anführer wähltet“, knurrte ich verdrossen.

Noál lachte leise auf. Als ich ihm einen kurzen Blick zuwarf, leuchteten seine blauen Augen erheitert zu mir:

„Ein überforderter Magier in Ausbildung, ein Anführer wider Willen und ein Mehedan, der keiner sein will. Da fragt man sich, ob sich unsere Vorfahren nicht manchmal ähnlich unbeholfen gefühlt haben. Gibt es noch irgendwelche letzten hehren Worte, mit denen ihr mir mein bevorstehendes Frühstück restlos verderben wollt?“

„Hehre Worte?“ wölbte ich eine Braue: „Die kann ich dir nicht mit auf den Weg geben. Doch als Anführer unserer Truppe gebe ich dir einen Befehl. Überlebe um jeden Preis.“


*


Seine Klinge war nur wenige Handbreit von meiner Hüfte entfernt, während mein eigenes Schwert direkt vor seinem Hals zum Stehen gekommen war. Hätte ich den Schlag durchgeführt, wäre er kopflos zusammengebrochen, bevor er mich verwundet hätte. Ich hatte gewonnen.

Ein breites Grinsen zeichnete sich auf dem Gesicht des Schwertmeisters ab. Er kniete noch immer, schob mit der Hand meine Klinge beiseite und erhob sich. Dann verneigte er sich vor mir mit einem anerkennenden Funkeln in den Augen:

„Hervorragend, Malesh. Deine Disziplin ist ausgezeichnet. Deine Gedanken hätten dich fast verraten. Du hast sie vollständig blockiert. Wer hat dir das beigebracht?“

Mein Blick wanderte durch die wabernden Schwaden zu Noál, der mir respektvoll zunickte, sich abwandte und ging.

„Ein Schwertmeister“, sah ich ihm hinterher, und der Stolz, den ich in diesem Augenblick empfand, durchströmte mich wohltuend. Meister Rashnae ergriff meinen Arm, wobei seine harten Gesichtszüge aufmerksam auf mich gerichtet waren.

„Ein guter Mann, dieser Schwertmeister. Du solltest ihn darin unterweisen, Finsternis zu erzeugen. Eine Fähigkeit, die ihm ausgezeichnet zu Gesicht stünde.“

„Herr Malesh!“

Diese erregte Stimme kannte ich nur zu gut. Ich wandte mich um und entdeckte Franthesh, der eiligen Schrittes auf mich zukam und dabei wild gestikulierte. Die wenig beträchtliche Reichweite seines Armes schwenkte über die sich langsam zerstreuende Menge.

„Herr Malesh! Das nächste Mal, wenn Ihr ein Duell austragt, bestehe ich darauf, auch etwas davon zu sehen. Ja, ich habe noch nicht einmal etwas gehört. Da starre ich auf eine blöde Schattenwand und nichts passiert. Nichts! Kein Kampflärm, keine akrobatischen Kunststücke, rein gar nichts. Das war mit Abstand das langweiligste Duell, das ich je gesehen habe. - Oh, verzeiht. Ich sah ja nichts.“

Ich lachte auf und legte meine Hand auf Franthesh Schulter:

„Darf ich vorstellen, Herr Franthesh, Abgesandter der Reijiesh.“

„Ich bin kein Herr. Und ich bin auch kein Abgesandter, sondern ein enttäuschter Zuschauer …

 


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