• Nika

Lieber Lukas

Aktualisiert: 19. Apr 2020

Was ich dir sagen wollte. Helma Buschkopp Romane & Erzählungen Was sind zwanzig Jahre? Nicht einmal eine Generation und doch eine kleine Ewigkeit. Denn alle, die ich aus der Zeit von damals vor Augen habe, sind heute (wie ich selbst) zwanzig Jahre älter – wenn sie nicht zwischenzeitlich verstorben sind. Und die damals ganz Kleinen sind heute junge Erwachsene. Aus Kindern werden eben Leute. Im Blick zurück staune ich, wie viele Geschichten in mir schlummerten. Sie schlummern in jedem von uns, denn sie haben ihre Wurzeln in unsere Seele gesenkt und uns geprägt, wenn auch oft ganz unbewußt. So sind sie ein Teil von uns geworden, der leicht wieder abrufbar ist, wenn wir nur aufmerksam in uns hineinhören. Und Geschichten, jedenfalls die guten, sind dazu da, um erzählt zu werden. Niemand kann die Vergangenheit ändern: vorbei ist vorbei. Aber es gibt die Möglichkeit des Schreibens. Und mir bleibt die Hoffnung, daß es gelingt, auf diese Weise ein Stück der Vergangenheit zurückzuholen und für die Zukunft wieder lebendig werden zu lassen.


Leseprobe:

Lieber Lukas! Wenn du diese Briefe jemals erhalten solltest, wirst du wohl längst erwachsen sein. Es ist natürlich auch möglich, daß du sie niemals in Händen halten wirst. Oder aber du hast kein Interesse daran, nach so vielen Jahren etwas von der Tante zu lesen, die nie zu Besuch kam. Die bestenfalls eine dunkle Erinnerung ist und von der du nur zum Geburtstag und zu Nikolaus Post bekamst. Warum, das ist eine eigene Geschichte, die hier nicht zur Sprache kommen soll. Es gibt manches, was ich dir gerne gesagt hätte, aber leider nicht sagen konnte. Daher habe ich mich zum Schreiben entschlossen, in der Hoffnung, daß du meine Briefe eines Tages in Ruhe wirst lesen können. Daß du all die kleinen Geschichten des Lebens aufmerksam verfolgen und durch sie etwas für dein Leben Nützliches lernen wirst. Alles Gute für dich! Deine Tante Hemma Die Rodelbahn Für uns war die Sache eindeutig. Schließlich befand sich die Rodelbahn nur wenige Meter von unserem Haus entfernt und weit und breit stand kein anderes Haus, das noch näher dran gewesen wäre. Somit war es „unsere“ Rodelbahn und wir waren mächtig stolz auf sie. Für Außenstehende handelte es sich dagegen um nichts weiter als ein im oberen Teil ziemlich steiler und buckliger Feldweg. Ab und an rollten schwere Traktoren über ihn hinweg und hinterließen darauf ungleichmäßige Spurrillen. War nur wenig Schnee gefallen, wurden diese Rillen und Unebenheiten nur teilweise abgedeckt und die Bahn war eine einzige Hoppelpiste. War sie zudem mit Eis bedeckt, wurde eine tückische Rutsch- und Hoppelpiste daraus. Nur in der Mitte des Weges befand sich ein ungefährlicher flacher Grasstreifen. War genug Schnee gefallen, wurde hier die Schnellstrecke eingerichtet. So konnte sich jeder Schlittenfahrer seine Wunschstrecke aussuchen. Diese Vielseitigkeit war einmalig: das hatte keine andere im Dorf genutzte Rodelbahn zu bieten! Um diese Einmaligkeit zu erhalten, war es notwendig, die Bahn stets fachmännisch zu pflegen. Besonders bei Schneemangel mußte zusätzlich Schnee von außerhalb herangeschafft und nach Bedarf verteilt werden.

Am unteren Ende der Bahn war außerdem eine kleine Rampe aufgetürmt, die immer wieder nachgebessert werden mußte. Außerdem war während des laufenden Betriebs darauf zu achten, daß insbesondere die Kleinsten nicht auf der Bahn umherliefen und womöglich Unfälle verursachten. So blieb immer etwas zu tun und unsere Rodelbahn war ein beliebter Treffpunkt. Doch das sollte sich ändern. Trotz optimaler winterlicher Bedingungen kamen jede Saison weniger Kinder. Wo waren die bloß alle? Es hieß, unten im Neubaugebiet sei eine Straße gebaut worden, die super breit, super glatt und super steil sei. Dagegen sei unser krummer Feldweg eine langweilige Rumpelpiste. Das schmerzte! So viele Jahre lang hatte uns die alte Bahn Freude bereitet und nun ließen sie immer mehr Rodler einfach im Stich. Nur wenn die Bahn im Neubaugebiet durch Streusalz unbrauchbar geworden war, fanden einige von ihnen zur alten Strecke zurück. Es war wirklich nicht zu übersehen: die beste Zeit unserer Rodelbahn war vorbei. Sie war einfach aus der Mode gekommen. Und wer will schon altmodisch sein?



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